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Fairer Handel Unternehmen
Podiumsdiskussion zum Auftakt der Regio Challenge 2019

Salat kann man als Salat verkaufen. Aber was macht man mit Milch? Hat ein regionaler Kleinbauer die Möglichkeit, Milch auf seinem Hof selbst weiterzuverarbeiten? Fragen wie diese bestimmten die Diskussion im Progr Ost am 3. September.

Welche Lebensmittel wachsen in einem 30-Kilometer-Umkreis um unseren Wohnort? Wann ist was reif? Und: Wer stellt sich solche Fragen überhaupt? In Bern haben am 3. September fünf Menschen genau darüber diskutiert. Einer von ihnen war gebana-Geschäftsführer Adrian Wiedmer.

Eine Woche lange nur das essen, was um die Ecke wächst. Kein Orangensaft, kein Kaffee, keine Bananen, Avocados, Olivenöl, Pfeffer, Curry. Was nach Entbehrung klingt, ist der Versuch, regional produzierten Lebensmitteln wieder mehr Gewicht im Alltag zu verleihen. Der Versuch nennt sich Regio Challenge und ist eine Idee aus Deutschland.

Die Mitglieder der Schweizer Kleinbauernvereinigung waren so angetan von dieser Idee, dass sie sich der Bewegung anschlossen. Am 3. September haben sie im Progr Ost in Bern ihre eigene regionale Woche mit einer Podiumsdiskussion eingeläutet. Die eigentliche Challenge beginnt aber erst am 9. September.

Zur Podiumsdiskussion luden die Kleinbäuerinnen fünf Persönlichkeiten, die kaum unterschiedlichere Hintergründe haben könnten. Ganz rechts auf der Bühne des kleinen, aber gut gefüllten Saals im Progr sass Thomas Cottier, ehemaliger Managing Director des World Trade Institute und emeritierter Professor für europäisches Wirtschaftsvölkerrecht an der Universität Bern. Wenn er sprach, liess er sich Zeit, sammelte seine Gedanken und holte meist weit aus.

Das Podium ergänzten zu Cottiers Rechten gebana-Geschäftsführer Adrian Wiedmer, die Moderatorin des Abends, Alexandra Gavilano von der Uni Bern, Tina Siegenthaler von der Kooperationsstelle für solidarische Landwirtschaft, Thomas Nemecek von der Forschungsgruppe Ökobilanzen und Regina Fuhrer-Wyss, Präsidentin der Kleinbauern-Vereinigung, SP-Politikerin.

Regina Fuhrer-Wyss, Kleinbauern-Vereinigung

"Warum macht man Werbung mit einem herzigen Huhn oder Säuli? Weil das dem Wunsch der Konsumenten entspricht, dem Wunsch nach kleinbäuerlicher und regionaler Landwirtschaft", sagte Regina Fuhrer-Wyss während der Podiumsdiskussion im Progr Ost.

Als ehemalige Präsidentin von Bio Suisse und nach eigener Aussage aktive Biobäuerin machte Fuhrer-Wyss schnell klar, wie sie zu Landwirtschaft steht. Mehr noch, sie wisse, dass ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung eine kleinbäuerliche, regionale und umweltfreundliche Landwirtschaft bevorzuge, sagte sie.

Regionale Produktion ist kein Garant für umweltfreundliche Produktion

Nemecek wiegte den Kopf, als er Fuhrer-Wyss zuhörte. "Eine regionale Produktion garantiert nicht, dass das Produkt umweltfreundlich ist", sagte er. Der Forscher von Agroscope beschäftigt sich mit Ökobilanzen oder Lebenszyklen, wie er sie nennt. Er ermittelt Werte, die dabei helfen soll, für die Umwelt die besten Entscheidungen zu treffen.

"Soll ich Tomaten aus der Schweiz oder aus Spanien kaufen? Was ist ökologisch besser?", fragte Nemecek in die Runde. Ökobilanzen könnten das beantworten, da sie ein Produkt von der Wiege bis zur Bahre betrachten würden. Also vom Saatgut über den Dünger und Schutzmittel bis zum fertigen Lebensmittel, das vom Ursprungsort zum Konsumenten transportiert wurde.

Nachhaltig konsumieren heisst saisonal konsumieren

Fuhrer-Wyss' Finger schnellte in die Höhe, kaum dass Nemecek seinen Satz beendet hatte. "Das sind die falschen Fragen!", sagte sie. Es dürfe nicht darum gehen, ob die Tomate aus Spanien oder aus der Schweiz die ökologisch bessere sei, sondern darum, wann es in der Natur reife Tomaten gebe. "Für mich heisst nachhaltiger, ökologisch vertretbarer Konsum, dass ich neben den Produktionsbedingungen vor allem die Saison der Lebensmittel kenne."

Die Bewusstseinsbildung der Konsumenten müsse doch im Zentrum stehen, sagte sie. Nur wenn man sich bewusst sei, was man mit seinem Einkauf auslösen könne, bestehe die Chance das System zu ändern. "Den Entscheid für oder gegen ein Produkt kann ich aber nur fällen, wenn ich auch wirklich weiss, woher es kommt und wie es produziert wurde.

Doch wer weiss das heute schon? "Wir sind es gewohnt, einem Label mehr zu vertrauen als einer Marke", nahm gebana-Geschäftsführer Adrian Wiedmer den Faden auf. Ein Produkt mit einem Label sei in den Augen der Konsumenten automatisch vertrauenswürdig.

Adrian Wiedmer, Geschäftsführer gebana

"Wenn man sieht, mit was für einem System man es zu tun hat, wird man automatisch sensibilisiert für das System, in dem man konsumiert", sagte Adrian Wiedmer in Bern.

Für Wiedmer kann eine Marke wie gebana aber mehr leisten als ein Label. Das würde man etwa in den USA schön beobachten können. Label hätten dort kaum eine Bedeutung. Stattdessen stünden verschiedene Fairtrade-Marken in Konkurrenz zueinander. Dieser Wettbewerb führe dazu, dass sich verschiedene Konzepte im Markt etablieren. Label würden das eher verhindern.

Die meisten Konsumenten würden das nicht sehen. Für sie und sogar für die Bauern gilt seiner Ansicht nach: "Schweizer Gemüse ist super. Egal wie es angebaut wird. Hauptsache schweizerisch. Bloss kein ausländisches Gemüse", sagte er provozierend. Provokation hin oder her. Er hatte offenbar einen wunden Punkt getroffen. Denn Fuhrer-Wyss sprang sofort auf seine Aussage an: "Das Bewusstsein darüber, was in meiner Nähe wächst und wie es angebaut wird, hilft ja auch dem Süden", sagte sie. Fast so, als wollte sie sein Argument entkräften.

Regionalität ist eine Vertrauensfrage

Die Rettung kam dann von Thomas Cottier. Er ging aber nicht weiter auf das kurze Zwiegespräch der beiden ein, sondern schwenkte zurück zum Thema Vertrauen. Denn für ihn ist Regionalität eine Vertrauensfrage, wie er sagte.

Das Vertrauen entstehe aber weder durch Label noch durch Marken, sondern durch Menschen. "In einer Migros, wo ich heute sogar an der Kasse alles alleine machen muss, ist ja niemand mehr da, der mir eine Frage beantworten kann", sagte er. "Der regionale Produzent kann das und schafft so Vertrauen."

Das grosse Problem dabei: Wenn das regionale Modell wirklich funktioniert und sich alle daran halten, haben etwa 40 Prozent der Menschen im Land zu wenig, wie Cottier selbst eingestand. "Wir können in der Schweiz gar nicht genug für alle produzieren", sagte er. Der Anspruch, möglichst viel in der Schweiz selbst produzieren zu wollen, ist seiner Ansicht nach fehlgeleitet. Es sei der falsche Weg.

Thomas Cottier (r.) und Adrian Wiedmer

"Wir als Konsumenten sind interessiert an einer Versorgungssicherheit zu vernünftigen Preisen. Die Höfe in der Schweiz sind dafür aber zu klein", sagte Thomas Cottier (r.).

Wirklich widersprechen konnte dem offenbar keine der Podiumsteilnehmerinnen. Nemecek fügte aber an, dass es zumindest einen Weg gebe, um die Ökobilanz der Schweizer Bevölkerung stark zu verbessern: Ernährungsumstellung.

In einer Studie untersuchte er mit seinem Team, wie sich die Schweizerinnen und Schweizer ernähren müssten, um eine möglichst gute Ökobilanz zu erreichen. Ihr Resultat: Fleischkonsum um 70 Prozent reduzieren, viel Milchprodukte von Schweizer Weideland und weniger Foodwaste.

Laut Nemecek wäre die Hälfte der heutigen Lebensmittelabfälle vermeidbar. Es sei eine Frage der Wertschätzung. Schliesslich gehe es um Lebensmittel, schloss er.

Die Regio Challenge läuft vom 9. bis 15 September. Ziel ist es, sich eine Woche lang nur von Lebensmitteln zu ernähren, die in etwa der Entfernung einer Velotour produziert wurden. Mehr Informationen bietet die Kleinbauern-Vereinigung auf ihrer Website.