Fairer Handel 2.0

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Seit über 40 Jahren befassen wir uns mit fairem Handel. Dennoch haben wir vor kurzem verkündet, dass wir unsere Produkte nicht mehr als «fair» bezeichnen.

Denn «fair» suggeriert einen zufriedenstellenden Zustand, während die Realität oftmals anders aussieht. Wir wollen mit unserem Handel mehr Wirkung in den Herkunftsländern erzielen. Und werden darum unser Engagement im Bereich sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit noch fokussierter vorantreiben.

Fairer Handel 2.0

Fairer Handel und seine Wirkung

Mit Handel eine positive Wirkung in den Ursprungsländern zu erzeugen, ist nicht einfach. Nehmen wir zum Beispiel den Preis: Würden wir den Bauernfamilien das Doppelte bezahlen, könnten wir unsere Produkte nicht mehr an den Grosshandel verkaufen. Denn für den zählt neben Zertifikaten eben nur der Preis. Und selbst wenn unsere treuen Direktversand-Kunden weiterhin bereit wären, die teureren Cashews zu kaufen, würde dadurch die Verkaufsmenge auf ein Zehntel schrumpfen. In der Folge würden wir nur noch von einer Handvoll Bauernfamilien statt wie heute von rund 2'700 kaufen und müssten unsere Fabrik mit 580 Arbeitsplätzen schliessen. Einigen wenigen Bauernfamilien ginge es zwar besser, die Mitarbeitenden hingegen wären arbeitslos. Was also tun?

1. Ganzheitlichkeit

Einzelne Elemente, wie zum Beispiel höhere Preise für die Bauernfamilien, reichen nicht, um nachhaltig etwas zu bewirken. Bauernfamilien, die lokale Wirtschaft und die Umwelt müssen gleichermassen berücksichtigt werden – dies ist die Basis unseres Nachhaltigkeitsansatzes. Dies tun wir durch...

  • den Aufbau von eigenständigen Unternehmen vor Ort. Diese sorgen für Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort, transferieren Know-how und zahlen Steuern. Bisher haben wir in Brasilien, Tunesien, Burkina Faso, Togo und Benin fünf Firmen mit mehr als 900 Arbeitsplätzen aufgebaut.
  • den direkten Kontakt zu den Bauernfamilien. So stellen wir sicher, dass die Aufpreise auch tatsächlich bei diesen ankommen. Im direkten Kontakt können aber auch der ökologische Anbau – der Anbau ist für den ökologischen Fussabdruck von Lebensmitteln viel wichtiger als Transport oder Verpackung – oder Themen wie Kinderarbeit besprochen werden. Gemeinsam landwirtschaftliche Perspektiven zu schaffen, erlaubt den Bauern in ihre Zukunft zu investieren.
  • ökologisch sinnvolle Lieferketten. Dabei sind wir auf die Koopera-tion unserer Kunden angewiesen: Sie bestellen saisonale Produkte aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft vor und bekommen sie in den Original-Grosspackungen per Post geliefert. Das mag ungewöhnlich sein, ist aber eben auch die nachhaltigste Art einzukaufen. Um unsere Lieferketten ökologischer zu machen, setzen wir auf wissenschaftliche Erkenntnis – und nicht auf Komfort.

2. Langfristigkeit

Als die wichtigste Komponente für mehr Wirkung erachten wir die langfristige Zusammenarbeit. Kooperativen, Firmen und nachhaltige Landwirtschaft entstehen nicht von heute auf morgen und brauchen eher Jahrzehnte als Jahre. Wir begleiten unsere Partnerfirmen durch dick und dünn, wenn nötig auch mit Investitionen. In zwanzig Jahren haben wir noch nie einen Partner aufgegeben. Diese Ausdauer in sehr schwierigen Ländern und Regionen hat ihren Preis: Bisher mussten wir auf Beteiligungen mehr als 1.2 Mio. Franken abschreiben. Doch für uns gehört das dazu.

3. Teilen

Um die Lieferkette für alle Beteiligten gerechter zu gestalten, ändern wir die Regeln des Handels, indem wir...

  • unsere Preisberechnung auf den Kopf stellen. Normalerweise werden im fairen Handel zusätzlich zu den Rohwarenpreisen eine Fairtrade- und, bei biologischem Anbau, eine Bioprämie bezahlt. Der Verkaufspreis wird danach über viele Handelsstufen hochgerechnet und übersteigt den ursprünglichen Rohwarenpreis um ein Vielfaches, insbesondere wenn das Produkt in Europa verarbeitet wird. Wir werden neu 10% vom Verkaufspreis des Direktversands an die Bauernfamilien auszahlen – zusätzlich zum Rohwarenpreis und den Prämien. Und zwar verteilen wir dieses Geld unter allen Bauernfamilien, die an gebana liefern, nicht nur an jene, die an den gebana Direktversand verkaufen. So erhält jede einzelne Bauernfamilie zwar weniger, dafür verbessert sich die Situation einer ganzen Region nachhaltig. Die Umsetzung dieser Preisaufteilung erfolgt Produkt um Produkt und Land um Land – und hat in Burkina Faso bereits begonnen.
  • unseren Gewinn teilen. Erwirtschaften wir in der Schweiz einen Gewinn, teilen wir diesen zu gleichen Teilen mit unseren Mitarbeitenden weltweit, mit den Investoren und auch – über Preisreduktionen und Projekte – mit Ihnen, unseren Kunden.

Im fairen Handel wird oft ein Paradies auf Erden vorgegaukelt und die Konsumenten glauben es gerne: Bauern, die auf wenigen Hektar ein faires Auskommen finden, Löhne wie in Europa, Geschlechtergerechtigkeit, funktionierende Gewerkschaften. Die Realität sieht ganz anders aus und Verbesserungen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen herbeiführen, sondern müssen schrittweise passieren. Doch sie müssen passieren! Dies messen wir in Nachhaltigkeitskennzahlen, die wir kommunizieren. Überhaupt ist es uns ein Anliegen, ein realistisches Bild unseres Handelns zu zeichnen und die wahren Geschichten hinter unseren Produkten zu erzählen. Denn wir sind darauf angewiesen, dass Sie uns vertrauen. Dazu wiederum sind Sie darauf angewiesen, dass wir Ihnen die Wahrheit sagen.

Adrian Wiedmer, Geschäftsführer


Die Preisberechnung auf den Kopf gestellt

Mit der Zahlung von 10% des Verkaufspreises an die Bauernfamilien, stellen wir die Art der Preisberechnung auf den Kopf.

Warum? Damit sie gerechter wird. Hier ein Beispiel: Würden wir den Bauernfamilien 10% mehr für ihre Rohnüsse bezahlen, entspräche dies etwa CHF 0.35 pro Kilo. Wenn sie jedoch 10% vom Verkaufspreis erhalten, dann entspricht dies im Durchschnitt 3.60 Franken pro Kilo. Anstatt den Bauernfamilien, die an den Direktversand liefern, nun das Doppelte zu bezahlen, verteilen wir die Prämie an alle Cashewbauern, mit denen wir zusammenarbeiten. Das ergibt eine Verbesserung des Einkommens für 2’700 Bauernfamilien und hilft der Entwicklung einer ganzen Region.

Wie finanzieren wir das? Konkret werden wir den Zuschlag mit unseren Kunden teilen: Sie zahlen etwas mehr für die Produkte und wir verzichten auf einen Teil unserer Marge. Den Anfang machen die Mangos und Cashews aus Burkina Faso: Bei den Mangos gibt es eine kleine Preiserhöhung. Bei den Cashewnüssen bleiben die Preise jedoch gleich, denn hier fallen derzeit die Rohwarenpreise.

Wie die Umsetzung der Strategie in der Praxis aussieht, erfahren Sie im Interview mit Umsetzungs-Projektleiterin Linda Dörig.