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  7. Zwischen den Bäumen

23. Februar 2022

Zwischen den Bäumen

Wer sich mit nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt, stösst mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann auf den Begriff Agroforstwirtschaft. Dahinter steckt ein Konzept mit dem Potenzial, natürliche Ökosysteme wiederherzustellen und gleichzeitig neue Einkomm

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Agroforstwirtschaft ist definiert als Landwirtschaft mit Bäumen. Simpel, aber leider nicht sonderlich elegant. Denn hinter dem Begriff steckt viel mehr als diese Definition erahnen lässt.

Die Grundidee der Agroforstwirtschaft beruht auf einem uralten Prinzip: Verschiedene Pflanzengattungen so kombinieren, dass sie sich gegenseitig positiv beeinflussen. Ein jahrhundertealtes Beispiel für diesen Ansatz ist die Anbaumethode Drei Schwestern, die vor allem bei den Irokesen auf dem amerikanischen Kontinent verbreitet war.

Bei dieser Methode profitieren die angebauten Früchte Kürbis, Mais und Bohnen direkt voneinander: Der Mais bildet die Kletterstange für die Bohnen, die Bohnen binden Stickstoff aus der Luft und bringen ihn in den Boden, der Kürbis breitet sich drum herum aus und hindert mit seinen grossen Blättern Unkraut am Wachstum und erzeugt gleichzeitig ein feuchtes Mikroklima. Win-Win-Win!

Intelligente Kulturen können den Boden und die Ernte verbessern

In der Agroforstwirtschaft will man aber nicht nur solche direkten Wechselwirkungen zwischen den Pflanzen erzeugen, sondern auch langfristige und positive Effekte für die Umwelt und den Menschen bewirken. Für diese Langfristigkeit bringt man Bäume ins Spiel – daher auch der Name.

"Wir sprechen bei Agroforstwirtschaft von intelligenten Kulturen", sagt Ousseni Porgo, Leiter der Abteilung Agronomie und Einkauf bei gebana Burkina Faso : "Gemeinsam stabilisieren sie den Boden und machen ihn fruchtbarer."

Die intelligenten Kulturen schaffen aber noch mehr: Wenn die Produzent:innen die richtigen Pflanzen kombinieren, können sie das ganze Jahr über ernten und haben nie Leerlauf – zumindest in Ländern wie Burkina Faso oder Togo. Bessere Ernten heisst mehr Einkommen für die Familien und das ist schlussendlich eines der wichtigsten Ziele, die wir verfolgen.

Ausgefeilte Methoden sind nötig, um die Versteppung aufzuhalten

In Togo und Burkina Faso ist eine traditionelle Form dieser Anbauweise schon lange etabliert, wie Ousseni sagt: "Die Familien bauen zwischen ihren Mango- und Cashewbäumen Mais oder Maniok an, um sich selbst zu versorgen." Doch das reicht nicht, um der Versteppung entgegenzuwirken.

Die Ursachen für Versteppung – also der Verwandlung fruchtbaren Landes in eine Steppe – können das Absinken des Grundwasserpegels oder – und das ist der Knackpunkt – das Abholzen von Bäumen oder Hecken sein. In unserem Kontext in Togo und Burkina Faso spielt jedoch der Klimawandel eine weit grössere Rolle. Er stellt die Bauernfamilien und uns vor Probleme, für die es noch nicht in allen Fällen eine Lösung gibt.

Die Agroforstwirtschaft liefert einige der Methoden, um die Probleme des Klimawandels aufzuhalten oder zumindest abzuschwächen. Wer sich an die Methoden hält, kombiniert beispielsweise Kulturen wie Mais, Chilis oder Auberginen mit Baumarten wie Orangen und Zitronen, Avocados und Kakao. Dazu kommen je nach Region auch Nutz- oder Edelhölzer, die dort jeweils heimisch sind. Zusammen bilden sie ein System aus mehreren geschickt angeordneten Pflanzen, die verschiedene Lebenszyklen haben. So versorgt man den Boden mit organischem Material, man fällt alte und wenig produktive Bäume und ersetzt sie durch solche, die Schatten spenden oder die Feuchtigkeit im Boden halten. Organisches Material bildet Humus und schützt den Boden vor Erosion wodurch sich die Bodenqualität verbessert.

Wissenstransfer ist entscheidend für den Erfolg

Wer solche Systeme konzipieren will, braucht Fachwissen. Aus diesem Grund haben wir 2020 bei gebana Togo damit begonnen Testfelder anzulegen und Bauernfamilien in Schulungen in die dynamische Agrofortwirtschaft einzuführen. Derzeit engagieren wir uns zu diesem Thema in Togo und Burkina Faso.

In Togo testen und zeigen wir beispielsweise auf Parzellen von Produzent:innen, wie sich Kakaobäume mit anderen Bäumen und Kulturen kombinieren lassen. Wir demonstrieren ausserdem, wie man biologische Dünger einsetzt oder Schädlinge mit Niemöl bekämpfen kann.

Die grösste Herausforderung ist es hierbei, die Bauernfamilien zu überzeugen, wie Eric Ankou von gebana Togo sagt: "Es ist schwierig, ein dynamisches Agroforstsystem aufzubauen. Neben dem finanziellen Aufwand braucht man viel Arbeitskraft. Beim Aufbau wie auch beim Unterhalt."

Zu Beginn der Schulungen auf den Testfeldern sind viele der Teilnehmenden ratlos und sogar misstrauisch. Sie verstehen meist nicht, warum sie ihre Bäume stark beschneiden oder einige ihrer alten Bäume sogar fällen sollen. Dies hat aber einen Grund: Um die Erträge zu erhöhen braucht es in der Agroforstwirtschaft von jeder "Etage" Pflanzen, um die ganze Bandbreite abzudecken, so wird die natürliche Waldsymbiose imitiert. Gemäss Ankou erkennen die meisten die Vorteile, wenn sie mittel- und langfristige Veränderungen auf den Testparzellen sehen.

Jede Region stellt andere Ansprüche an Agroforstwirtschaft

In Burkina Faso arbeiten wir seit September 2021 an einem ähnlichen Projekt. Auch hier wollen wir den Bauernfamilien aufzeigen, welche positiven Effekte die Agroforstwirtschaft haben kann. Auf Pilotparzellen testen unsere Agrartechniker:innen gemeinsam mit den Bauernfamilien, welche Pflanzen gut miteinander harmonieren. Die Bauernfamilien früh miteinzubinden, ist auch hier essenziell für den Erfolg. "Leider können wir nicht jeden einzelnen Produzenten ausbilden. Aus diesem Grund wollen wir das Wissen von den Agrartechnikern an die Bauern weitergeben, die dann die Fackel an andere Bauern weitergeben", erklärt Ousseni Porgo.

Dabei hilft uns das Wissen aus Togo wenig: Man muss immer die regionalen Besonderheiten berücksichtigen, in denen eine dynamische Agroforstwirtschaft entstehen soll. Ein Kakaosystem wie in Togo erfordert andere Methoden als eines für Sojabohnen oder Mangos in anderen Breitengraden.

Der Ansatz der Agroforstwirtschaft hat das Potenzial, auch in Europa ein Umdenken zu bewirken. Auch in Griechenland ist die Idee angekommen und ein ähnliches Projekt in Planung. Dort wird es ebenfalls ein Testfeld geben, auf dem die Bauernfamilien mit eigenen Augen sehen sollen, was möglich ist und wie sie ihre Felder transformieren können.

In jedem Fall – egal ob Togo, Burkina Faso oder Griechenland – Agroforstwirtschaft ist ein langwieriges Unterfangen. Wir, wie auch die Bauernfamilien, müssen ein gutes Verständnis entwickeln, um die Erkenntnisse von den Testfeldern in die Praxis umzusetzen. Fortlaufende Schulungszyklen, eine stärkere Präsenz von Expert:innen vor Ort und die kontinuierliche Überwachung der umgestellten Betriebe sollen den Weg ebnen, damit sich die dynamische Agroforstwirtschaft ausbreiten kann – Schritt für Schritt.

Laufende Projekte

Organic Cocoa Farming in Togo: Vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO und der Swiss Platform for Sustainable Cocoa unterstützt, seit 2020 aktiv.

Sustainable and Organic Cocoa Farming in Togo: Wir führen gemeinsam mit unserem Partner Altromercato dieses Projekt durch, das 2020 gestartet ist.

Sustainable Mangos and Cashews - Made in Africa: Projekt initiiert von Coop und HALBA, im September 2021 gestartet.

In Zusammenarbeit mit:

*Ecotop Schweiz: Unsere Partner:innen für Feldschulen und Ausbildungen vor Ort, in Burkina Faso und Togo (abgerufen am 16.12.2021)


Quellen

About Agroforestry, Food and Agriculture Organization of the United Nations, 2015 (abgerufen am 11.11.2021)

gebana Switzerland, Ecotop, 2018 (abgerufen am 21.12.2021)

Erfreuliche Entwicklungen in Togo, gebana Blog, 2019, (abgerufen am 21.12.2021)

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